Kants Kritik meiner reinen Vernunft

Kant blickt mir über die Schulter

Kant glaubte mir einmal ganz besonders intensiv über die Schulter blicken zu müssen.

Natürlich, Kant, dieser metaphysische Kerl, dieser durch und durch metaphysische, blickt mir ständig irgendwie über die Schulter, um aus seiner transzendentalen Perspektive heraus an mir herummeckern zu können. Seine Eigen-, um nicht zu sagen Unart ist es, mir den Eindruck zu vermitteln, ich sei seiner permanenten Beobachtung ausgesetzt. Dennoch behaupte ich, schon alleine aus einem gewissen Trotz heraus, dass es mir gelungen ist, ihm Respekt einzuflößen, ihn also von meiner gelegentlichen Überlegenheit zu überzeugen. Ich bin in meinen vier Wänden also durchaus so etwas wie eine Autorität.

Im Leben eines jeden Menschen gibt es nämlich Tätigkeiten, vielmehr Verrichtungen, denen er aufgrund seiner physisch-animalischen Beschaffenheit unweigerlich und bis zu seinem Ende wiederholt Tribut zu zollen hat, Verrichtungen, bei denen Beobachter unerwünscht, geradezu unerträglich sind. Anders gesagt gibt es täglich ein paar Momente, an denen ich vor Kant meine Ruhe habe, und was den Rest des Tages angeht, so bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit seiner Allgegenwart abzufinden.

Kant verfügt über die eigentümliche Begabung, plötzlich und ohne Vorwarnung wie aus dem buchstäblichen Nichts in mein Leben ein- bzw. daraus aufzutauchen. Solchen von ihm durchaus gekonnt inszenierten Spontanmanifestationen seiner phänomenalen Existenz habe ich meistens nichts entgegenzusetzen, wenn man von einem ebenso herzhaften wie wirkungslosen „Hau ab!“ oder dergleichen absieht. Ich merke sofort, wenn er, nachdem er sich vorübergehend von mir zurückgezogen hat, wieder da ist, weil er einfach nicht die Klappe halten kann.

Dieses Mal jedoch, als er glaubte mir ganz besonders intensiv über die Schulter blicken zu müssen, dieses Mal war es anders. Wohl spürte ich, dass er wieder da war, denn er strahlt seine Anwesenheit irgendwie aus, nennen Sie das Aura oder auch nicht. Aber er hielt dieses eine Mal die Klappe. Manchmal weiß er eben doch, was sich gehört. Vielleicht durchzuckte ihn aber auch nur die Erkenntnis, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die sich selbst seiner Intelligenz entziehen. Ich schrieb einen Liebesbrief.

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