Kants Kritik meiner reinen Vernunft

Kant an sich

Kant durchlebte einmal eine intellektuelle Phase, während der er mich schier zum Wahnsinn trieb. Damals war er ganz anders als sonst, indem seine Impertinenz keine Grenze zu kennen schien, wobei ich bis dahin der Meinung war, dass das Limit schon längst erreicht wäre.

Insofern ich ihm derlei Eskapaden schon immer zugetraut habe, war er im übrigen doch nicht so ganz anders als sonst. Es ist wohl richtiger zu sagen, er regte mich anders auf als sonst, was mich jetzt, im Rückblick, schon wieder aufregt. Mein ganz persönlicher Kant bringt mithin das Kunststück fertig, mich heute noch damit zu verärgern, dass er mich einmal auf eine Weise geärgert hat, die neu für mich war und zugleich wieder nicht, weil ich sie ihm schon immer zugetraut habe. Ich darf gar nicht weiter darüber nachdenken, weil mein Ärger sonst in einem fort neuen Ärger gebiert. Allerdings nötigt mir eine solche intellektuelle Leistung durchaus einen gewissen Respekt ab.

So wie manche Kinder einem mit dem schlichten Wörtchen „warum“ arg zusetzen können, so ließ Kant damals keine Gelegenheit aus, mich mit der Frage zu löchern, wie ich diesen oder jenen Begriff, den ich gerade benutzte, um irgend einen Sachverhalt zu erklären oder um ein Argument zum Abschluss zu bringen, definiere.

Ich rede dabei keineswegs von Begriffen wie Bruttoinlandsprodukt oder Nettoreproduktionsrate, sondern von ganz alltäglichen wie Auto, Obst oder Gemüse. Dabei bezichtige ich mich ja selber der gelegentlichen Begriffsfieselei. Wenn ich nur an das alkoholfreie Bier denke, so frage ich mich, und zwar bis heute, ob Bier sein Biersein nicht in dem Moment verliert, in dem es alkoholfrei ist. Heißt es außerdem zu Recht alkoholfrei, wenn, wie es das Gesetz sogar zulässt, schließlich doch 0,3 % Alkohol enthalten sind?

Obwohl es mir eigentlich egal sein könnte, habe ich auch sehr viel übrig für die pingelig-pedantische Frage, ob die Tomate der Kategorie Obst oder Gemüse angehört.

Den Unterschied zu Kant markiert, wie ich denke, das Wörtchen „gelegentlich“ in hinreichendem Maße. Denn im Unterschied zu mir war Kant geradezu süchtig nach Begriffsklärungen, dass es jedes Nervenkostüm zum Zerreißen gebracht hätte.

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