Kants Kritik meiner reinen Vernunft

Kants Kritik am reinen Sex

Als einem körperlosen Wesen ist Kant der Zustand der sexuellen Erregung fremd. Mir jedoch nicht. Da ich in Kant nur den kühlen Analytiker sehe, erlaube ich mir ihm gegenüber prinzipiell auch nicht die geringste Peinlichkeit, wenngleich körperliche Phänomene von Natur aus nicht peinlich sind.

Gerade deshalb wünschte ich mir, er würde Kommentare, gleich welcher Art und bezüglich gleich welchen Phänomens, unterlassen.

„Kann ich dir helfen?“, fragte er einmal betont beiläufig.

Was sollte ich darauf anderes sagen als „Nein“?

„Du denkst doch nicht schon wieder an die Zeugung von Nachkommen?“

„Nein.“

„Obwohl es meiner Meinung nach durchaus Zeit dazu wäre.“

„Mir ist deine Haltung zu Kindern bekannt.“

„Warum hast du keine?“

„Eine sexuelle Erregung alleine macht noch keine Kinder“, dozierte ich.

„Im übrigen ist“, hörte ich mich nach einer kleinen Weile sagen, „gegen die Freuden des Sexus im Prinzip nichts einzuwenden.“

„Dann steht doch“, schlussfolgerte Kant, „Kindern nichts im Wege. Gleichfalls im Prinzip.“

„Würdest du dich bitte aus meinen Prinzipien heraushalten.“

„Oh Entschuldigung! Mich gehen deine Prinzipien selbstverständlich nichts an.“

„Ist alleine meine Sache, wie ich mit meinen Prinzipien umgehe.“

„Allein deine Sache, klar. Aber sind nicht Situationen denkbar, in denen ein Mann seine Prinzipien Prinzipien sein lassen und ihnen Auslauf gewähren muss?“

„Wie darf ich das verstehen?“

„Es ist nicht so, dass ich dich zu einem tendenziell ausschweifenden Lebenswandel verleiten möchte.“

„Nein?“

„Es geht mir um die Natur.“

„Was du nicht sagst.“

„Um die deine, um genau zu sein.“

„Etwas in der Art habe ich fast vermutet.“

„Um deine Natur als Mann.“

Ich missbillige diese Methode des Einkreisens meiner Gedanken, derer sich Kant bediente und die ich aus tiefster Verachtung als inquisitorisch bezeichnen möchte. So trocken wie nur möglich sagte ich deshalb:

„Sex ist eine wunderbare und zugleich viel zu komplizierte Angelegenheit, von der ein Kopfwesen wie du nichts versteht.“

„So kompliziert ist dieser Sex auch wieder nicht. Für einige wenige, wenngleich intensive Momente verschwimmen die Grenzen von Mann und Frau, und für den kleinen Augenblick einer Ewigkeit treten beide in Tuchfühlung mit der Transzendenz Gottes, die, sofern sie will, diese Intimität mit neuem Leben belohnt.“

Kant machte mich, zugegeben, wieder einmal sprachlos.

„Meinst du, dass nur ihr Menschen etwas vom Sex verstündet?“, fragte Kant. „Ihr wart es doch, die den Sex entkleidet und seiner Menschlichkeit beraubt und damit entehrt habt.“

Ich liebe Meinungen wie diese, doch wenn sie von Kant geäußert werden, wurmen sie mich, zumal er ja irgendwie recht hat. Aber um ihm das offen einzugestehen, fühlte ich mich mit meinesgleichen doch viel zu solidarisch. Deshalb ließ ich mich, ohne noch etwas zu erwidern, in beredtes Schweigen fallen. Jedenfalls hoffte ich, Kant nähme dieses mein Schweigen als ein beredtes wahr, in das ich mich selbstverständlich jede Menge Bedeutung zu legen bemühte, an der er meinetwegen ersticken mochte – er, mein ganz persönlicher Rotzlöffel.

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