Gedicht

die lampe

Dem folgenden, in Form eines Haikus gestalteten Gedicht möchte ich ein paar Worte vorausschicken. Es basiert auf einem Satz, der mich schon seit mindestens vierzig Jahren begleitet. Vielleicht ist er ganz typisch für meine intuitive Weise, das Leben wahrzunehmen und sprachlich zum Ausdruck zu bringen. Jedenfalls bin ich ihm ganz besonders zugetan. Er ist schlicht, geradezu banal und lautet: „Ich sah noch, wie die Lampe erlosch.”

Eigentlich ist das An- und Ausschalten des Lichts ein Vorgang, der kaum der Wahrnehmung wert ist. Eigentlich. Denn einmal, vor wie gesagt über vierzig Jahren nahm ich diesen Augenblick, der eintritt, wenn man das Licht ausschaltet, eben doch in besonderer Weise wahr. Dabei lief alles ab wie immer. Ich drückte auf den Schalter, und es wurde dunkel. Doch dieses Mal, sah ich buchstäblich wie die Lampe erlosch. Es war, als würde das Licht langsamer als gewöhnlich ausgehen. Deshalb hat es dieses Alltagserlebnis in meine Notizen geschafft, deshalb ist mir dieser Satz so sehr ans Herz gewachsen.

In diesen Tagen nun, genauer am 29. Januar 2020 (am 18. Januar 1974 habe ich übrigens zu schreiben begonnen) und da bei der Lektüre des Nachworts zu einem Buch mit Haikus, wurde mir einmal mehr klar, dass mein Satz, so klein und alltäglich er auch scheinen mag, aus den Untiefen der Ewigkeit kommt, und ich begann, ihm die Form eines Haikus zu geben. Was Haikus so reizvoll für mich macht: Sie enthalten so vieles, was sie nicht sagen.

ich sah noch wie die
lampe die lampe wie sie
wie von selbst erlosch

7 Kommentare zu „die lampe

  1. ja, haikus strahlen atmosphäre aus sozusagen und erzählen immer mehr, als sie sagen. (was zwar bei [für mein empfinden: guten] gedichten [und prosa] auch so ist, doch im haiku ist alles reduziert auf ein einziges bild mit unglaublicher … jetzt fehlt mir das wort, aber vielleicht weißt du, was ich meine. 🙂

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    1. Du hast Recht, gute Gedichte weisen über sich hinaus. Das Haiku allerdings ist nicht mit den poetischen Regeln, wie sie bei uns üblich sind, vergleichbar. Basis sind 17 auf drei Zeilen (5-7-5) verteilte Silben. Das nimmt dem Haiku die Strenge, wie sie etwa das Sonett ausstrahlt. Für mich ist die Lektüre eines Haikus wie der Blick durch eine Lupe: Kleines und Unscheinbares wird groß und bedeutsam. Insofern glaube ich zu verstehen, was du meinst. Aber das Wort fällt mir auch nicht ein.

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      1. dieses 5-7-5 ist ja das gängige haiku-schema, von dem inzwischen wohl zum teil auch abgewichen wurde. wenn ich ein haiku schreibe, orientiere ich mich aber auch nach wie vor an diesem 5-7-5 schema.
        hat sich übrigens nicht so angefühlt, als unterstelltest du mir irgendwas. ich wollts einfach nur erwähnt haben und ein beispiel geben für eines meiner haikus.

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