Aphorismus

Sprache der Kinder

Man sagt, die Musik wäre eine Universalsprache, für viele ist sie sogar die einzige. Doch es gibt eine Sprache, die noch viel näher am Menschen ist und die überall verstanden wird: die Sprache der Kinder. Den Eltern kommt es zu, diese Sprache verstehen zu lernen, jedes einzelnen Kindes und immer wieder neu. Denn die Sprache der Kinder ist Universalsprache und Individualsprache zugleich.

Es ist eine Zeichensprache, eine Sprache, die alle Register zieht und alle Sinne zu ihrer Decodierung benötigt. Die Liebe zu ihrem Kind ist es, die Eltern dazu drängt, sich unablässig dieser Mühe zu unterziehen. Es ist eine Leistung, die grundlegend ist für jede auf der Erde anzutreffende Kultur. Eine Gesellschaft, die die Sprache der Kinder nicht mehr beherrscht, steht am Abgrund.

Aphorismus

Individuum und Person

Individualität und Personsein sind zwei verschiedene Dinge. Natürlich ist jeder Mensch Individuum und Person. Aber nicht jedes Individuum ist auch Person. Ein Individuum ist zunächst nur eine abgeschlossene unabhängige und im bloß physischen Sinne aus sicher heraus lebensfähige biologische Einheit. In Bezug auf das große Ganze des Lebens ist es reproduzierbar, austauschbar, ersetzbar.

Für die Person gilt das nicht. Person zu sein heißt: Ich habe einen Namen, eine Herkunft, eine Identität. Ich bin nicht nur ein einzelner, ich bin auch einzigartig. Das Leben entwickelt sich zwar auch ohne mich weiter. Aber dennoch bin ich mehr als nur Träger von Erbgut zur Weitergabe meiner Lebens-Art. Ich bin auch in der Lage, auf meine ganz spezielle, persönliche Weise dem Sinn des Lebens zu dienen, sogar dann, wenn ich diesen Sinn gar nicht begreife.

Gedicht

In Weimar im Februar

In Weimar war’s, im Februar,
da sprach der Goeth’ zum Schill’: „Ach ja!
Wollt’ gestern ein Gedicht verfassen,
jedoch ich musst’ es bleiben lassen.

Es sollt’ was sein mit Vat’ und Kind,
welch’ reiten spät durch Nacht und Wind.
Der Vat’ trägt s’Kindchen auf’m Arm
und hält es, da es kalt ist, warm.

Der Knabe ist mit Fieber krank
und seine Nerven liegen blank.
Er sagt zum Vater: „Schau doch mal!
Da drüben steht der Rübezahl.“

Der Vater sagt: „Das stimmt nicht ganz.
Erlkönig ist’s mit Kron’ und Schwanz.
Und das da vorn’ sind seine Töchter.“
Den Knaben grauset’s; fliehen möcht’ er.

Er sieht nun alles ganz genau.
Es scheinen alte Weiden so grau
an diesem schaurig-düstern Ort…
das war dann auch mein letztes Wort.

Die Muse war das Küssen satt,
und ich schrieb nur noch Schrott aufs Blatt.
So konnte ich nicht weiter schreiben
und ließ es schließ- und endlich bleiben.

Drauf sprach der Schill’ zum Goeth’: „So eben
ist eines Dichtermannes Leben.
Man reimt mit seiner ganzen Kraft,
dabei man manch’ Gedicht erschafft,

das man mit inniglicher Brunst
veredelt hin zu höchster Kunst.
Doch ist erreicht der letzte Reim,
geht man am Besten – auf ein Bier.“